Ainringer Bauerntheater
Seit über 55 Jahren auf der Bühne

Es war einmal tief im Wald... 

Die Märchen vom Goaßbartlbertl besagen:
In einer unbestimmten Zeit in der man noch glaubte, im Wald hausen Räuber und wilde Tiere, da wandelte die leicht esoterisch angehauchte, stets fidele Schwammerl-Koryphäe Wilma Morchelmeier zwischen Moos und Stauden. Schwammerl, wie ihr alle wisst, sind ausgefuchste Sonderlinge der Schöpfung, die allerlei Eigenart mit sich bringen: So geht es schon so los, dass sie sich nur jenen Suchenden (oder Suchtenden) zeigen, die dem Schwammerl auch würdig sind. Obwohl sie aus dem Boden sprießen, sind sie keine Photosynthese betreibenden Pflanzen, denn sie ernähren sich nicht vom Licht sondern vom finsteren Untergrund aus dem sie kommen. Ja, Schwammerl können köstlich, manche aber auch tödlich sein. Wer weiß, ob nicht ihre Fruchtkörper, die manchmal aus dem Moos hervorspitzen, in Wirklichkeit die Augen des Waldes sind, durch welche wir alle beobachtet werden. So ist es nicht verwunderlich, dass Sie schon immer eine tiefe Faszination auf so manchen von uns ausübten.

Karl Gustav Dietmar Albert Otto Pfifferling (ein typischer Kloakotz) wandelte in jenen Zeiten, meist unbekümmert durch des Waldes Tiefen. Sein Name war länger als sein Schatten und beides nahm er sehr, sehr ernst. Denn wo andere ihn oft verlassen hatten, blieben diese beiden sein Leben lang bedingungslos und treu an seiner Seite. Von Beruf war er Handlanger, so war er auf das Tragen, Vorausgehen, Nicken und Türen aufhalten spezialisiert. Auch verstand er es genau, wie man Schlüssellöcher beobachtet, Blicke weiterreicht und stolpert ohne den Auftrag zu gefährden. Nur die Verantwortung ließ er gerne andere tragen, die war ihm zu schwer. Der Wald jedoch war tief, so tief, dass man besser stets die Verantwortung zu tragen bereit war, sobald man sich hineinwagte.

Denn gab man auch nur einen Moment lang nicht Acht auf den Weg, so konnte es geschehen, dass dieser unauffindbar blieb und man unmerklich immer weiter in die Tiefe geriet. Mit etwas Glück jedoch erschien die alte Waldschenke als Zufluchtsort. Mit Unglück stand dort gerade die Wirtin selbst: Paula – genauer gesagt Pfeif’n-Paula –, die stets qualmende Gastronomin grober Abstammung, so rau wie der Rauch, der sie umgab. Der Rauch erzählte, was Paula verschwieg. Er roch nach Erde und altem Holz, nach Dingen, die lange gelegen und viel gesehen hatten. So lässt sich schon vermuten, dass es sich hierbei nicht um eine Friedenspfeife handelte.


Ihr Mann Hallimasch – die beiden lebten natürlich in wilder Ehe – war Spelunkenwirt und Bandit aus Leidenschaft. Als Ururenkel des Räuberbarons “Hans dem Halsabschneider” und Enkel der einbeinigen Räuberin Meißl, welche ihn sehr prägte. Mit fester Hand und einem schelmischen Funkeln in den Augen führten Hallimasch und seine Frau die Schenke, als wäre jedes Glas Bier ein kleines Abenteuer, während draußen die Schwammerl sich leise zwischen Moos und Wurzeln regten, als lauschten sie den Geschehnissen der Spelunke... Wer Hallimasch begegnete, wusste es augenblicklich: Hier küssten sich Gefahr und Charme, und jedes Lächeln konnte ebenso gut Einladung wie Falle sein.


Beider Tochter Parasolia besaß viele Waffen aber wenig Manieren. Ihr Lächeln war falsch, ihr Messer ehrlich und ihre flache Hand so schlagfertig wie Klitschkos rechter Haken. Oft wurde sie für den „Wirtsbua“ gehalten, aber in Wahrheit war sie in dieser Geschichte so etwas wie die Prinzessin. Zumindest wenn man sich die üblichen Kriterien für eine solche anschaut: Sie war jung und solo, lebte abgelegen an einem Ort mit schlechter Infrastruktur und viel Symbolik. Ihr Verstand war vorhanden und ihr Aussehen so speziell, dass darüber ständig gesprochen wurde. Parasolias Herz war rein, behaupteten manche. Andere sagten, es sei das einer ausrastenden Wildsau. Beides stimmte, je nach Situation. Und falls diese Geschichte überhaupt ein Happy End nimmt, dann nur deshalb, weils der Parasolia irgendwann einfach reicht.


Eines düsteren Tages... oder war es Nacht? - In diesem Wald wusste man nie genau, wie hell die Wirklichkeit gerade war - betrat Herr von Reizker die Schwelle der Schänke. In Begleitung von Karl Gustav Dietmar Albert Otto Pfifferling, der selbstverständlich das Gepäck nicht nur tragen sondern auch ertragen musste, denn Übermut, Arroganz und Testosteron wiegen schwer und machen bekanntlich die Arbeit als Handlanger nicht einfacher. Doch Karl Gustav war ja kein Stift mehr, sondern Meister seines Fachs. Herr von Reizker selbst war ein schmieriger, zwielichtiger Reisender, wobei dieser Titel auch nur gemunkelt war, denn niemand in der Schenke wusste so genau, was so Einer hier verloren hatte. Schließlich strahlte er alle der sieben der sündigsten Todsünden auf Einmal aus. Und die lassen nicht gerade darauf schließen, dass einem diese harzige, glanzlose Umgebung Recht wäre. Vor Allem die Gier und die Wollust ließen sich in dieser Spelunke wirklich nicht stillen, was also zum Schwammerlkönig, suchte er in diesem morschen alten Waldwinkel?


Nanu, wer stolperte denn da ganz plötzlich noch daher? Schrill, sehr schrill - oder sagen wir: schlimm, sehr schlimm - zumindest die Stimm, wobei es schwer zu sagen war, was das Schlimmste an dieser ungebetenen Gästin war, denn es war augenscheinlich eine Frau. Eine Gesellschafterin - womöglich aus einem Gefilde kommend, wo Scharlach nicht nur als Krankheit sondern zumeist auch als Lichterschein präsent war - mit viel Erfahrung und viel Wortgold, äh... Wortschatz! Mit jedem Ton und jeder Bewegung hinterließ sie bleibende Spuren, ob als Tinnitus, als unerwünschtes Kopfkino oder als ein diffuses Gefühl, das schwer zwischen Fremdscham und Belustigung zu unterscheiden war. Sie kreischte jedenfalls zwischen den Gesprächen der Gäste und ihrer Geber hin und her, und jeder Versuch, ernst genommen zu werden, wurde von ihrem eigenen Lachen umgehend wieder zunichtegemacht. Ob man es glaubt oder nicht, sogar die Schwammerl verschrumpelten augenblicklich, nacheinander, sobald sie nur einen Laut von sich gab.


Der Einzige, der über die Jahre hinweg gelernt hatte mit den grellen Oktaven umzugehen, war der berühmt-berüchtigte Schlitzer-Vinz. Grob, großspurig und unberechenbar. Erbarmungslos war er, aber nicht erb-arm. Er war im Besitz wertvoller Erbstücke und Kostbarkeiten. Vor Allem das seiner Mutti hütete er wie seine Organe. Nur sie war ihm einst heilig, niemand sonst war in seinem Auge Gnaden oder Sanftmut wert. Schon gar nicht der selbsternannte Traumprinz von Reizker, mit dem er angeblich noch eine Rechnung offen hatte. Voll Rach- und Tobsucht getrieben, schärfte sich also sein suchender, einäugiger Blick wie das Zielfernrohr eines großkalibrigen G82 Scharfschützengewehrs, nur ohne Schalldämpfer. Der Dampf nämlich stieg ihm empor, um den intakten Glaskörper sah man verkrampfte Adern aufschwellen und seine Goldzähne fletschte er wie die eines türkischen Kangals.


In jenen Tagen, als die Wege noch krummer und die Entscheidungen noch schlechter waren, passierte (wie ihr euch denken könnt), Tag ein Tag viel Unvorhergesehenes. Und siehe da! Da liegt ja... eine Tote!!! Nein! - Moment, sie ist bloß bewusstlos... oder? Also gut, die Bewusstlose. Außerdem bewegungslos, namenslos, zasterlos, würdelos, schwerelos, sorglos, sprachlos, hoffnungslos. Einfach irgendwie unerschütterlich in ihrer Losigkeit. War das also das Ende, oder erst der Anfang einer brisanten Geschichte?

Wer von euch liebe Erwachsene, Entwachsene und die die es einmal werden wollen, also nicht tatenlos, sondern im Besitz eines Glücksloses ist, kann sehen was da los ist! Unter 08654/5522 - damit ihr nicht ahnungslos bleibt.